• Gas: Kältewelle beflügelt
  • Strom: Nachlassende Preise
  • Bessere Hilfe für Start-ups bei Regulierungsthemen
  • Bei "Grünspar" muss alles raus
  • Lukrativer Auftrieb für kleine Windanlagen
  • Bundeskartellamt übt Kritik an Vergleichsportalen
  • Neuer Geschäftsführer für Stadtwerke Fürstenfeldbruck
  • Bundesrat beschließt Energiesammelgesetz
  • Stadt Gera ist nun wieder Anteilseigner
  • Porsche lädt mit mehr als 400 kW
Bild: BillionPhotos.com / Fotolia
INTERVIEW:
Grundmann: "Enko ist ein erster, notwendiger Anfang."
Mit der Enko-Plattform soll das massenhafte Abschalten von Windturbinen eingedämmt werden. E&M sprach mit den Initiatoren Matthias Boxberger, Hansewerk, und Martin Grundmann, Arge Netz.
 
Die Botschaft war eindeutig: Im Windland Schleswig-Holstein zähle nicht mehr allein die Erzeugung von möglichst vielen grünen Kilowattstunden, sondern vor allem die Nutzung des Ökostroms in allen Verbrauchsfeldern. Deshalb, betonte Markus Hirschfeld auf der diesjährigen Fachmesse New Energy Mitte März in Husum, „brauchen wir lokale Plattformen, über die die Sektorkopplung realisiert werden kann.“

Zu diesen Plattformen zählte der für die Bereiche Energiepolitik/Energierecht zuständige Referatsleiter im Energiewendeministerium Schleswig-Holstein ausdrücklich das Projekt Enko, eine Abkürzung, die für „Energie intelligent koordinieren“ steht.

Dessen Partner sind die Schleswig-Holstein Netz AG und die Arge Netz GmbH & Co. KG. Das Ziel von Enko lässt sich verkürzt so zusammenfassen: Über die digitale Plattform soll eine Synchronisation zwischen lokal erzeugtem Grünstrom mit Verbrauchern vor Ort erreicht werden. Dadurch sollen mehr Ökostrom ins Netz eingespeist und die Anzahl der Netzengpass-bedingten Einspeisereduzierungen in Schleswig-Holstein vermindert werden – und zwar in Echtzeit. Außerdem soll dank Enko der Strom über Sektorkopplung in anderen Absatzbereichen wie Wärme, Industrie oder Elektromobilität genutzt werden.

Als Blaupause dient dabei das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Sinteg-Großprojekt „Norddeutsche EnergieWende“ (NEW 4.0), mit dem rund 60 Partner in Hamburg und Schleswig-Holstein die Versorgung einer Region mit 100 % erneuerbarer Energie erproben.

Über den Stand und die Perspektiven von Enko sprach E&M mit Matthias Boxberger, Vorstandsvorsitzender des Energiedienstleisters HanseWerk AG sowie Aufsichtsratsvorsitzender von Schleswig-Holstein Netz (SH Netz), und Dr. Martin Grundmann, Geschäftsführer der Arge Netz.
 
E&M: Herr Boxberger, Herr Dr. Grundmann, ist das gemeinsames Projekt Enko wirklich Ihre Antwort auf die zunehmenden Forderungen nach der Sektorkopplung, also der Verwendung erneuerbarer Energien im Wärme- und Mobilitätsbereich?

Grundmann: Eindeutig ja. Enko ist ein Einstieg in die Sektorkopplung auf der regionalen Ebene.

„Lokal erzeugter Ökostrom soll möglichst auch vor Ort genutzt werden“

Boxberger: Das sehe ich auch so. Wir wollen mit dem heimischen Grünstrom konsequent alle Verbrauchsbereiche durchdringen. Mit Enko schaffen wir nicht nur eine heimische Wertschöpfungskette. Bei den aktuell beschränkten Netzkapazitäten versuchen wir mit der Plattform, die Einspeisung und den Verbrauch erneuerbarer Energien so flexibel wie möglich zu gestalten. Wir sind sicher, dass wir damit einige derzeit unvermeidliche Abschaltungen von Windenergieanlagen vermeiden können.
 
Matthias Boxberger: „Wir können so einige, derzeit unvermeidliche Abschaltungen von Windenergieanlagen vermeiden“
Bild: HanseWerk AG

E&M: Wie ist es bei diesem Projekt zu der Zusammenarbeit zwischen Schleswig-Holstein Netz und Arge Netz gekommen?

Boxberger: Wir beide sind Partner in der Initiative Norddeutsche Energiewende NEW 4.0. Da lag es nahe, dass wir für ein regionales Projekt unser größtes Know-how nutzen, nämlich die Einspeisung erneuerbarer Energien und das Management von Netzengpässen. Unser Hauptziel bei Enko ist fest umrissen: Wir wollen dafür sorgen, dass lokal erzeugter Ökostrom möglichst auch vor Ort genutzt wird.

Grundmann: Dieser Ansatz ist wirklich wichtig. Die Ökostromerzeugung wird weiter dynamisch zunehmen. Deshalb brauchen wir solche Ausgleichslösungen wie die Enko-Plattform. Damit werden wir die bekannten Probleme, das heißt, das zunehmende Abschalten von Windkraftanlagen angesichts fehlender Netzkapazitäten, nicht alle auf einen Schlag lösen. Enko ist aber ein erster, notwendiger Anfang.

E&M: Wann startet die Plattform in der Praxis?

Boxberger: Wir starten den Testbetrieb in den Sommermonaten und beginnen mit dem operativen Beginn zum Ende dieses Jahres. Dann wird es scharfe Prognosen für Netzengpässe und scharfe Angebote für Flexibilitätsoptionen geben. Wir können bei Enko auf Vorarbeiten setzen, die wir in den vergangenen beiden Jahren bei NEW 4.0 umgesetzt haben. So hat es SH Netz in dem Projekt ‚Netzampel‘ bis Herbst vergangenen Jahres geschafft, die jeweils gerade bestehenden Netzengpässe in Echtzeit online zu stellten. Auf Netzampel sind landesweit die regenerativen Erzeugungsanlagen und die von Netzeingriffen betroffenen Regionen angezeigt.

E&M: Was ist wichtig für den Day-Ahead-Handel? Wie funktioniert Enko im Detail?

Boxberger: Mittels der Day-Ahead-Prognose stellen die Netzbetreiber eine Engpassliste aller Netzebenen zusammen und ermitteln den Bedarf an Flexibilitäten für den kommenden Tag. Und zwar viertelstundenscharf, was online auf der Plattform zu sehen ist. Stromverbraucher – das können etwa produzierende Unternehmen, Kühlhäuser oder auch Blockheizkraftwerke in Wohnblöcken sein - geben dazu ihre Flexibilitätsangebote ab. Jeweils bis 14.30 Uhr erteilen wir ihnen dann für den nächsten Tag netzentlastende Zuschläge. Wichtig ist: Der Einsatz dieser Flexibilitäten wird nicht über die Plattform gesteuert, die Bieter sind für die Aktivierung ihrer angebotenen Flexibilitäten selbst verantwortlich.

Grundmann: Was für Enko spricht, ist die Offenheit des Systems. Die Teilnehmer können jeden Tag entscheiden, ob sie mitmachen oder nicht. Außerdem gibt es keine Anforderungen für die informationstechnische Anbindung über eine bestimmte Regelung. Es wird keine Losgrößen geben, die notwendig sind, um sich an Enko zu beteiligen. Teilnehmen können so auch erneuerbare Flexibilitäten mit Power to X, also etwa Wärmeanwendungen, Batteriespeicher oder Wasserstofferzeuger.

„Die Erzeuger erzielen eine bessere Verwertung ihres Grünstroms“

E&M: Welche Vorteile ergeben sich für die Teilnehmer an der Enko-Plattform?

Grundmann: Die Erzeuger erzielen eine bessere Verwertung ihres Grünstroms. Die Flexibilitätsanbieter profitieren von Ermäßigungen bei Umlagen und Entgelten: Sie zahlen nur 40 Prozent EEG-Umlage und geringere Netzentgelte. Das wurde in der Sinteg-Verordnung festgelegt. Allerdings ist diese befristet bis 2020 und müsste verlängert werden. Wenn sich das Modell des regionalisierten Flexibilitätsausgleichs durchsetzt, können Verbraucher und Erzeuger eine entsprechende Vergütung für ihre Flexibilitäten erhalten. Dafür muss dringend die Verordnung über zuschaltbare Lasten geöffnet werden. Die Verordnung gilt bislang nur für KWK-Anlagen mit mehr als 500 Kilowatt im Bestand.
 
Martin Grundmann: „Wir gehen mittlerweile von einem Flexibilitätspotenzial zwischen 500 und 1 000 Megawatt aus, das sich nutzen lässt“
Bild: Arge Netz

E&M: Von welchem Flexibilitätspotenzial gehen Sie aus, das für Enko genutzt werden kann?

Grundmann: In den Anfängen von NEW 4.0 lagen Berechnungen für ein Flexibilitätspotenzial in der Größenordnung von 300 bis 400 Megawatt vor. Damals hatten wir aber noch nicht die Elektromobilität eingepreist – sowohl im Privatsektor als auch beim ÖPNV. Wir gehen mittlerweile von einem Potenzial zwischen 500 und 1 000 MW aus. Für Schleswig-Holstein bieten sich damit durchaus nennenswerte Spielräume bei der Netzeinspeisung von Ökostrom.

E&M: Was sind Ihre nächsten Aktivitäten bis zum Start des Probebetriebs im Sommer?

Boxberger: Es wird auf jeden Fall noch einige Optimierungen beispielsweise bei der Day-Ahead-Prognose geben. Für die Teilnehmer wollen wir auf der Plattform noch die Bedienungsmöglichkeiten erleichtern. Neben diesen technischen Optimierungen wollen wir allen Akteuren in der Region und der Politik noch einmal gezielt die Vorteile von Enko vermitteln. Mit der Plattform erfüllen wir die Vorgaben aus dem neuen Koalitionsvertrag, nämlich eine bessere Auslastung der bestehenden Netze sowie den Einstieg in die Power-to-X-Technologie.

Grundmann: Ohne dass wir den neuen Koalitionsvertrag im vergangenen Jahr, als wir Enko entwickelt hatten, bereits kannten, setzen wir dessen Kerngedanken um: Wir optimieren dank der Digitalisierung die Auslastung bestehender Netze, was bislang ein energiewirtschaftliches Manko gewesen ist. Zudem bringen wir die Sektorkopplung voran. Damit übernehmen erneuerbare Anlagenbetreiber − im Verbund mit Netzbetreibern − mehr Verantwortung für die Energieversorgung auf Basis von erneuerbaren Energien. Deshalb gehe ich davon aus, dass Enko über Schleswig-Holstein hinaus ausstrahlen wird.
 

Ralf Köpke und Angelika Nikionok-Ehrlich
© 2018 Energie & Management GmbH
Dienstag, 22.05.2018, 14:20 Uhr

Mehr zum Thema