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Energie & Management > E&M Vor 20 Jahren - Gazprom: „Ein zuverlässiger Lieferant von Gas“
Quelle: Shutterstock / Mike Mareen
E&M Vor 20 Jahren

Gazprom: „Ein zuverlässiger Lieferant von Gas“

E&M veröffentlichte im Februar 2006 ein Interview mit Sergej Kuprijanow, Pressesprecher von Gazprom. Die Zuverlässigkeit der russischen Erdgaslieferungen war vor 20 Jahren schon Thema.
E&M: Herr Kuprijnow, seit Gazproms Lieferstopp gegenüber der Ukraine wird in Europa über die Zuverlässigkeit der russischen Erdgas-Lieferungen diskutiert. Hatte Gazprom diese Wirkung erwartet?

Kuprijnow: Meiner Meinung nach spiegelt diese Reaktion nicht die reale Sachlage wider. Gazprom ist bereits seit mehr als 30 Jahren ein zuverlässiger Lieferant von Gas nach Europa. Die Grundlage für die Aktivitäten der Gazprom auf Auslandsmärkten war immer – und wird bleiben – die strikte Einhaltung der Vertragsverpflichtungen, die Sicherung zuverlässiger und störungsfreier Lieferungen von Gas an unsere Partner. Und in der Situation mit der Ukraine hat das Unternehmen seine Treue zu diesen Prinzipien bewiesen. Als die europäischen Verbraucher durch Verschulden der ukrainischen Seite weniger Gas als geplant erhalten hatten, hat Gazprom beschlossen, die fehlenden Mengen zu kompensieren.

E&M: Vor dem Lieferstopp hatte der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko vorgeschlagen, den von Gazprom geforderten starken Preisanstieg auf drei Jahre zu strecken. Warum hat Gazprom dieses Angebot nicht akzeptiert?

Kuprijnow: Da wir keine Antwort auf die Fragen bekommen haben, wer, wann und aus welchen Quellen uns den in dieser Zeit entgangenen Gewinn ersetzen würde.

E&M: Die Einigung im Streit mit Gazprom hat in der Ukraine zu einer Regierungskrise wenige Monate vor den Parlamentswahlen geführt. Bekräftigt das nicht die in Westeuropa vorherrschende Annahme, dass der Lieferstopp vor allem politische Ursachen hatte?

Kuprijnow: Bei den russisch-ukrainischen Gasbeziehungen ging und geht es nicht um Politik. Wir führten Verhandlungen über den Übergang zu einer Zusammenarbeit auf der Grundlage der marktüblichen, europäischen Prinzipien. Die Ukraine weigert sich, einen konstruktiven Dialog zu führen sowie Verträge über Lieferungen und Transit von Gas zu unterzeichnen. Und wenn es keinen Vertrag gibt, so gibt es auch keine Gründe für Gaslieferungen.

Das ist Wirtschaft und keine Politik. Dabei muss betont werden, dass die Einigung in diesem Konflikt für alle – sowohl für Russland als auch für die Ukraine und die europäischen Verbraucher – von Vorteil ist.

E&M: In Weißrussland, dem zweiten Transitland für den russischen Erdgas-Export nach Westeuropa, hatte Gazprom Anfang 2004 schon einmal die Lieferungen unterbrochen, um seine Verhandlungsziele zu erreichen. Wird Gazprom das Instrument des Lieferstopps künftig wieder einsetzen?

Kuprijnow: Von einem „Instrument zur Erreichung von Verhandlungszielen“ kann gar keine Rede sein. Die Unterbrechungen der Gaslieferungen in die Ukraine sowie nach Weißrussland waren eine erzwungene Maßnahme. Sowohl in diesem als auch in anderen Fällen hat es keine Verträge über die Gaslieferungen gegeben.

E&M: Im Streit mit der Ukraine wurde deutlich, dass die Transportkapazitäten für turkmenisches Erdgas über russisches Territorium nicht ausreichen. Halten Sie es für möglich, diese Pipelines auszubauen?

Kuprijnow: Es gibt ausreichend Kapazitäten für den Gastransport durch Russland. Nicht ausreichend sind die Kapazitäten der Gaspipeline „Mittelasien – Zentrum“, die durch Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan verläuft.
Wie die Vertreter der Gazprom bereits mehrmals erklärten, ist das Unternehmen an der Entwicklung dieses Gastransportsystems interessiert und bereit, sich an dieser Arbeit zu beteiligen. Wir müssen uns aber zuerst davon überzeugen, dass Turkmenistan als Hauptlieferant von Gas aus Mittelasien künftig entsprechende Gasmengen zur Verfügung stellen kann, um die neu geschaffenen Kapazitäten auszulasten. Sonst blieben sie außer Betrieb und es wäre sinnlos, Geld in die Entwicklung des Systems zu investieren. Turkmenistan hat bis heute aber bezüglich der Nutzung der Gasreserven noch keine Wirtschaftlichkeitsberechnung vorgelegt, obwohl sie, soviel uns bekannt ist, erstellt wurde. Warum es so ist, müssen Sie die turkmenische Seite fragen.

E&M: Mit der Ostseepipeline wird Gazprom weniger abhängig von Transitländern. Was sagen Sie zu den Befürchtungen in diesen Ländern, dass dann der Druck der Gazprom in den Verhandlungen um Gasbezugspreise und Transitgebühren deutlich wächst?

Kuprijnow: Diese Befürchtungen sind absolut unbegründet. Die Realisierung des Projektes der Nordeuropäischen Gaspipeline ist für Europa von Vorteil. Erstens wird die Gaspipeline Russland mit europäischen Verbrauchern direkt verbinden, und damit werden Risiken im Zusammenhang mit den Gaslieferungen durch die Transitstaaten ausgeschlossen werden. Zweitens wird es die Gaspipeline ermöglichen, Lieferungen von russischem Gas für das Ausland zu erhöhen, und dies wird im Zusammenhang mit der Nachfrage nach Erdgas in Europa besonders aktuell. Auf dem europäischen Gasmarkt wird bis 2010 ein Anstieg des Gasverbrauchs erwartet, der die durch abgeschlossene langfristige Verträge kontrahierten Mengen um rund 100 Milliarden Kubikmeter übersteigen wird. Die derzeit funktionierenden Exportgaspipelines aus Russland nach Europa können die wachsende Gasnachfrage nicht in vollem Maße decken.

Darüber hinaus haben sich unsere europäischen Partner während der gesamten Zeit, in der russisches Gas nach Europa geliefert wird, in der Praxis davon überzeugen können, dass Gazprom ein zuverlässiger Partner ist. Wir verstehen, dass die Energiebilanz und die Energiesicherheit Europas in großem Maße von russischem Gas abhängig sind, und wir sehen unsere Verantwortung völlig ein.

E&M: In Deutschland stößt der starke Preisanstieg bei Erdgas auf den Widerstand der Kunden. Wie werden sich die Preise für russisches Erdgas weiter entwickeln?

Kuprijnow: Gazprom liefert Gas nach Europa hauptsächlich auf Grundlage langfristiger Verträge, in denen die Preisformel festgelegt ist. Nach dieser Formel hängt der Gaspreis in erster Linie von Preisen für Erdölprodukte sowie von der Marktkonjunktur ab. Dabei folgt der Gaspreis der Entwicklung der Ölpreise mit einem Abstand von ungefähr sechs bis neun Monaten. Somit handelt es sich um einen voraussagbaren Prozess. Im Jahre 2005 hat sich der gewichtete Durchschnittspreis für das von Gazprom ins Ausland gelieferte Erdgas im Vergleich zu dem Niveau des Jahres 2004 um etwa 40 Prozent erhöht. Ich bin der Meinung, dass diese Erhöhung auch im Jahre 2006 zu verzeichnen sein wird.

Dabei muss betont werden, dass Gazprom sein Gas an der Grenze des Importlandes an Unternehmen verkauft, die es dann an Endverbraucher liefern. Der Endpreis beinhaltet die Kosten des Gastransportes über die Niederdrucknetze sowie Steuern. Damit ist das Gas um das Mehrfache teurer als in Russland. Dies hängt aber nicht von Gazprom ab.

Sonntag, 1.02.2026, 13:24 Uhr
Stefan Schröter
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Quelle: Shutterstock / Mike Mareen
E&M Vor 20 Jahren
Gazprom: „Ein zuverlässiger Lieferant von Gas“
E&M veröffentlichte im Februar 2006 ein Interview mit Sergej Kuprijanow, Pressesprecher von Gazprom. Die Zuverlässigkeit der russischen Erdgaslieferungen war vor 20 Jahren schon Thema.
E&M: Herr Kuprijnow, seit Gazproms Lieferstopp gegenüber der Ukraine wird in Europa über die Zuverlässigkeit der russischen Erdgas-Lieferungen diskutiert. Hatte Gazprom diese Wirkung erwartet?

Kuprijnow: Meiner Meinung nach spiegelt diese Reaktion nicht die reale Sachlage wider. Gazprom ist bereits seit mehr als 30 Jahren ein zuverlässiger Lieferant von Gas nach Europa. Die Grundlage für die Aktivitäten der Gazprom auf Auslandsmärkten war immer – und wird bleiben – die strikte Einhaltung der Vertragsverpflichtungen, die Sicherung zuverlässiger und störungsfreier Lieferungen von Gas an unsere Partner. Und in der Situation mit der Ukraine hat das Unternehmen seine Treue zu diesen Prinzipien bewiesen. Als die europäischen Verbraucher durch Verschulden der ukrainischen Seite weniger Gas als geplant erhalten hatten, hat Gazprom beschlossen, die fehlenden Mengen zu kompensieren.

E&M: Vor dem Lieferstopp hatte der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko vorgeschlagen, den von Gazprom geforderten starken Preisanstieg auf drei Jahre zu strecken. Warum hat Gazprom dieses Angebot nicht akzeptiert?

Kuprijnow: Da wir keine Antwort auf die Fragen bekommen haben, wer, wann und aus welchen Quellen uns den in dieser Zeit entgangenen Gewinn ersetzen würde.

E&M: Die Einigung im Streit mit Gazprom hat in der Ukraine zu einer Regierungskrise wenige Monate vor den Parlamentswahlen geführt. Bekräftigt das nicht die in Westeuropa vorherrschende Annahme, dass der Lieferstopp vor allem politische Ursachen hatte?

Kuprijnow: Bei den russisch-ukrainischen Gasbeziehungen ging und geht es nicht um Politik. Wir führten Verhandlungen über den Übergang zu einer Zusammenarbeit auf der Grundlage der marktüblichen, europäischen Prinzipien. Die Ukraine weigert sich, einen konstruktiven Dialog zu führen sowie Verträge über Lieferungen und Transit von Gas zu unterzeichnen. Und wenn es keinen Vertrag gibt, so gibt es auch keine Gründe für Gaslieferungen.

Das ist Wirtschaft und keine Politik. Dabei muss betont werden, dass die Einigung in diesem Konflikt für alle – sowohl für Russland als auch für die Ukraine und die europäischen Verbraucher – von Vorteil ist.

E&M: In Weißrussland, dem zweiten Transitland für den russischen Erdgas-Export nach Westeuropa, hatte Gazprom Anfang 2004 schon einmal die Lieferungen unterbrochen, um seine Verhandlungsziele zu erreichen. Wird Gazprom das Instrument des Lieferstopps künftig wieder einsetzen?

Kuprijnow: Von einem „Instrument zur Erreichung von Verhandlungszielen“ kann gar keine Rede sein. Die Unterbrechungen der Gaslieferungen in die Ukraine sowie nach Weißrussland waren eine erzwungene Maßnahme. Sowohl in diesem als auch in anderen Fällen hat es keine Verträge über die Gaslieferungen gegeben.

E&M: Im Streit mit der Ukraine wurde deutlich, dass die Transportkapazitäten für turkmenisches Erdgas über russisches Territorium nicht ausreichen. Halten Sie es für möglich, diese Pipelines auszubauen?

Kuprijnow: Es gibt ausreichend Kapazitäten für den Gastransport durch Russland. Nicht ausreichend sind die Kapazitäten der Gaspipeline „Mittelasien – Zentrum“, die durch Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan verläuft.
Wie die Vertreter der Gazprom bereits mehrmals erklärten, ist das Unternehmen an der Entwicklung dieses Gastransportsystems interessiert und bereit, sich an dieser Arbeit zu beteiligen. Wir müssen uns aber zuerst davon überzeugen, dass Turkmenistan als Hauptlieferant von Gas aus Mittelasien künftig entsprechende Gasmengen zur Verfügung stellen kann, um die neu geschaffenen Kapazitäten auszulasten. Sonst blieben sie außer Betrieb und es wäre sinnlos, Geld in die Entwicklung des Systems zu investieren. Turkmenistan hat bis heute aber bezüglich der Nutzung der Gasreserven noch keine Wirtschaftlichkeitsberechnung vorgelegt, obwohl sie, soviel uns bekannt ist, erstellt wurde. Warum es so ist, müssen Sie die turkmenische Seite fragen.

E&M: Mit der Ostseepipeline wird Gazprom weniger abhängig von Transitländern. Was sagen Sie zu den Befürchtungen in diesen Ländern, dass dann der Druck der Gazprom in den Verhandlungen um Gasbezugspreise und Transitgebühren deutlich wächst?

Kuprijnow: Diese Befürchtungen sind absolut unbegründet. Die Realisierung des Projektes der Nordeuropäischen Gaspipeline ist für Europa von Vorteil. Erstens wird die Gaspipeline Russland mit europäischen Verbrauchern direkt verbinden, und damit werden Risiken im Zusammenhang mit den Gaslieferungen durch die Transitstaaten ausgeschlossen werden. Zweitens wird es die Gaspipeline ermöglichen, Lieferungen von russischem Gas für das Ausland zu erhöhen, und dies wird im Zusammenhang mit der Nachfrage nach Erdgas in Europa besonders aktuell. Auf dem europäischen Gasmarkt wird bis 2010 ein Anstieg des Gasverbrauchs erwartet, der die durch abgeschlossene langfristige Verträge kontrahierten Mengen um rund 100 Milliarden Kubikmeter übersteigen wird. Die derzeit funktionierenden Exportgaspipelines aus Russland nach Europa können die wachsende Gasnachfrage nicht in vollem Maße decken.

Darüber hinaus haben sich unsere europäischen Partner während der gesamten Zeit, in der russisches Gas nach Europa geliefert wird, in der Praxis davon überzeugen können, dass Gazprom ein zuverlässiger Partner ist. Wir verstehen, dass die Energiebilanz und die Energiesicherheit Europas in großem Maße von russischem Gas abhängig sind, und wir sehen unsere Verantwortung völlig ein.

E&M: In Deutschland stößt der starke Preisanstieg bei Erdgas auf den Widerstand der Kunden. Wie werden sich die Preise für russisches Erdgas weiter entwickeln?

Kuprijnow: Gazprom liefert Gas nach Europa hauptsächlich auf Grundlage langfristiger Verträge, in denen die Preisformel festgelegt ist. Nach dieser Formel hängt der Gaspreis in erster Linie von Preisen für Erdölprodukte sowie von der Marktkonjunktur ab. Dabei folgt der Gaspreis der Entwicklung der Ölpreise mit einem Abstand von ungefähr sechs bis neun Monaten. Somit handelt es sich um einen voraussagbaren Prozess. Im Jahre 2005 hat sich der gewichtete Durchschnittspreis für das von Gazprom ins Ausland gelieferte Erdgas im Vergleich zu dem Niveau des Jahres 2004 um etwa 40 Prozent erhöht. Ich bin der Meinung, dass diese Erhöhung auch im Jahre 2006 zu verzeichnen sein wird.

Dabei muss betont werden, dass Gazprom sein Gas an der Grenze des Importlandes an Unternehmen verkauft, die es dann an Endverbraucher liefern. Der Endpreis beinhaltet die Kosten des Gastransportes über die Niederdrucknetze sowie Steuern. Damit ist das Gas um das Mehrfache teurer als in Russland. Dies hängt aber nicht von Gazprom ab.

Sonntag, 1.02.2026, 13:24 Uhr
Stefan Schröter

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