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Enerige & Management > Regenerative - Fraunhofer-Experten rücken Klimaschutzziele der Regierung zurecht
Bild: Fotolia.com, Jürgen Fälchle
REGENERATIVE:
Fraunhofer-Experten rücken Klimaschutzziele der Regierung zurecht
Die Bundesregierung benötigt zunehmend Fantasie, um ihre Klimaschutzziele als realistisch zu bewerben. Auch Wissenschaftler des Fraunhofer ISE kommen zu anderen Annahmen.
 
In der aktuellen Studie zum Systemwechsel in der deutschen Energieversorgung bis zum Jahr 2050 spricht das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) davon, dass Deutschland seine Treibhausgasemissionen bis 2030 nicht um die von der Bundesregierung angekündigten 55 % gegenüber 1990 senken wird. Grund dafür sei der nicht ausreichende Zubau erneuerbarer Energien, die die schwarz-roten Regierungsfraktionen in diesem Zeitraum eigentlich bis zu einem Anteil von 65 % an der Stromerzeugung ausbauen wollen.

Erneuerbare müssen weit mehr zur Stromversorgung beitragen

Das neue Gutachten aus Freiburg liest sich wie eine Klatsche für die Bundesregierung: Gleich drei der vier von den Freiburger Forschern entwickelten Szenarien gehen von einem höheren erforderlichen Beitrag an regenerativen Energien für das Erreichen der 2030er Ziele aus - diese Quote liegt jeweils über 70 %. Im Jahr der erhofften Klimaneutralität, nämlich 2050, widerlegen sogar alle vier Zukunftsmodelle die Annahmen des Bundeswirtschaftsministeriums: Die Ökoenergien müssten dann durchschnittlich 93 % des benötigten Stroms produzieren – und nicht nur 80 %, wie die Berechnungen der Regierung nahelegen.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) fordert angesichts der „soliden Studie“ von der schwarz-roten Bundesregierung überfällige Entscheidungen zum Ausbau der grünen Energien. Da der Ausbau der Windenergie an Land wohl die Marke von 200.000 MW und auf See von etwa 57.000 MW Leistung bis 2050 nicht übersteigen werde, müsse die Solarenergie „eine große Aufgabe stemmen“, so der Erneuerbaren-Dachverband auf Anfrage von E&M. „Deshalb ist klar: Solarenergie muss deutlich zulegen.“

Nur massives Stromsparen reduziert laut Studie den Energiebedarf

Nur ein einziges der vier präsentierten Szenarien passt annähernd in das Konzept von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Es trägt den Namen Suffizienz und ist das ambitionierteste. Hier ist die Grundannahme, dass die Gesellschaft bereit sei, in hohem Maße Energie einzusparen und dadurch deutlich weniger Strom benötigt. Solche Verhaltensänderungen, betont dagegen der BEE, könnten bei den Klimazielen „helfen, werden aber immer niedriger bleiben als gewünscht“. Denn alle Branchenexperten erwarten, dass durch die Sektorenkopplung erheblich mehr Elektrizität erzeugt werden muss, um auch die Bereiche Verkehr und Wärme von den fossilen Fesseln zu befreien. Das Fraunhofer-Institut geht davon aus, dass in diesem Fall schon 2030 mehr Strom im Vergleich zu 2018 (597 Mrd. kWh) benötigt wird. Die Stromnachfrage werde 2050 ein Niveau erreichen, das knapp doppelt oder zweieinhalbmal so hoch liegt (zwischen 1.039 Mrd. und 1.495 Mrd. kWh).

Kernthese der Fraunhofer-Studie ist, dass die nationalen Klimaschutzziele durchaus zu erreichen seien. Aus mehreren Gründen: So könne die technische Leistungsfähigkeit der regenerativen Kraftwerke, vor allem Wind und Sonne, gewährleisten, dass Grünstrom zur wichtigsten Primärenergie-Quelle aufsteige. Auch die Systemintegration als weiterer wichtiger Aspekt sei machbar, wenn die Techniken zur Wandlung, Speicherung, Verteilung und Nutzung der Erneuerbaren fortentwickelt würden.

Milliardenkosten für den Systemumbau 

Die verschiedenen Szenarien wirken sich nicht zuletzt auf den Preis der Energiewende aus. Eines der Modelle berechnet die Kosten bei erheblichen Widerständen gegen technische Neuerungen im privaten Bereich, ein anderes bei hohen Hürden für den Ausbau großer Infrastrukturen. Nur das „neutrale“ Szenario geht von einer Entwicklung aus, bei der die Klimaschutzziele weder behindert noch sonderlich gefördert würden.

Wie zu erwarten, fallen die Mehraufwendungen für die Energiewende in dem Szenario weniger hoch aus, das von deutlichen Stromeinsparungen ausgeht. Dann entfallen viele Investitionen in Netze oder Speicher. 440 Mrd. Euro würde die Transformation des Energiesystems dann kosten, was 0,4 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Deutschlands im Jahr 2019 entspricht. Nimmt man das Szenario mit den größten gesellschaftlichen Widerständen, in dem neue Techniken sich nur zögerlich im Privatbereich durchsetzen, müssen insgesamt erheblich mehr Mittel für das Erreichen der Klimaneutralität aufgewendet werden, die nach den Freiburger Berechnungen rund 2.330 Milliarden Euro betragen.

Das Fraunhofer ISE stellt aber klar, dass der Großteil der Kosten – zwischen 63 und 75 % je nach Modell – für Investitionen in den Systemausbau anfallen und in dieser Größenordnung nach 2050 ausbleiben. Auch der BEE will entsprechend die volkswirtschaftlichen Kosten nicht als „Aufwand“ verstanden wissen. Es handele sich dabei vielmehr „um Investitionen, die unsere Volkswirtschaft stärken, Innovationen mobilisieren und Deutschland handlungsfähig machen. Die Politik sollte nicht zögern, sondern handeln.“

Die Studie   kann auf der Website des Fraunhofer ISE heruntergeladen werden.
 

Volker Stephan
© 2020 Energie & Management GmbH
Freitag, 14.02.2020, 16:40 Uhr

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