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Bild: Fotolia.com, Dark Vectorangel
STROMSPEICHER:
Eine Batterie bitte
Der lange Weg der Stadtwerke Schwäbisch Hall bis zur Bestellung eines 1-MW-Batteriespeichers.
 
„Diejenigen, die proklamieren, dass wir noch weitere zehn Jahre keine Speicher brauchen, weil wir ausreichend Kapazitäten haben, das sind in der Regel Theoretiker“, so Johannes van Bergen im Gespräch mit E&M am 30. Januar 2015. Es war sein letzter Arbeitstag als Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Schwäbisch Hall. 21 Jahre lang hatte van Bergen das Unternehmen geleitet: Als pragmatischer Ingenieur und als kühner Visionär.

„Die Theoretiker sollten vielleicht mal eines wissen“, sagte der scheidende Stadtwerke-Chef, „ein kaltes Kraftwerk steht als Kapazität einfach nicht zur Verfügung, wir benötigen schnell regelbare Speicherkapazitäten bei Erzeugungsausfällen und um die fluktuierenden Leistungen der Erneuerbaren ausregeln zu können.“ Van Bergen forderte mehr ökonomische Anreize für den Speicherbau, aber das Gegenteil sei der Fall: „Wir haben noch sehr viele Knüppel zwischen den Beinen.“

Trotzdem begab sich van Bergen auf die Batteriespeicher-Pirsch. Das Plazet dafür bekam er von seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Hermann-Josef Pelgrim, dem Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall, der schon immer ein Faible für den technischen Fortschritt hatte. Es war im Jahr 2014, als sich van Bergen den Speichermarkt ansah – mit einem ernüchternden Ergebnis. Die Angebote für einen 1-MW-Batteriespeicher lagen zwischen 1 700 und 1 800 Euro pro Kilowatt Leistung. Die potenziellen Lieferanten wie GE, Siemens oder Younicos habe man gekannt, erzählte van Bergen, nur: „Das wäre nicht wirtschaftlich gewesen, denn wir wollten mit dem Speicher auch Geld verdienen“, erklärte er, „und deshalb haben wir hart europaweit ausgeschrieben“ - und die Preise sanken.

Am Ende der Angebotstour standen zehn Namen auf der Liste, die Preise schwankten zwischen gut 900 000 Euro und 2 300 000 Euro für das Megawatt. Da van Bergen auf einem Festpreis für einen Zehn-Jahres-Vollwartungsvertrag bestand, blieben von den zehn Anbietern noch zwei übrig: die adstec GmbH und die PEUS-Testing GmbH, beide aus dem baden-württembergischen Gaggenau . Die lagen mit ihren Preisvorstellungen so, dass sich der Stadtwerke-Chef aufgrund der Kosten für die Primärregelleistung im Jahr 2014 ausrechnen konnte, dass der Speicher Geld verdienen und die Kapitalrückflusszeit bei rund zwölf Jahren liegen würde.

30. Januar 2015: „Der Speicher könnte Ende des Jahres seinen Betrieb aufnehmen“

Johannes van Bergen: „Die beiden Unternehmen haben einen Vorvertrag von uns bekommen, wie wir uns das vorstellen, wie der Full-Service-Vertrag aussehen muss. Sie haben jetzt noch 14 Tage Zeit für das endgültige Angebot, dann wird bestellt. Die haben sechs bis acht Monate Lieferzeit, der Speicher wird also Ende des Jahres 2015 seinen Betrieb aufnehmen.“

Schnitt. Gentner übernehmen Sie.

 
Gebhard Gentner: "Wir werden unserer Verantwortung gerecht"
Bild: E&M

Der neuen Doppelspitze in der Geschäftsführung, Gebhard Gentner, zuständig für die Technik, und Ronald Pfitzer, verantwortlich für Energiewirtschaft, Finanzen und IT, wurde doch etwas bange bei der Bestellung des Batteriespeichers – sie befürchteten ein Millionengrab und legten das Projekt erst mal auf Eis.

Im Drei-Monats-Rhythmus fragte E&M bei Gentner nach, wie es nun weiter gehe mit der Vorzeigeinvestition – und wurde vertröstet, man sei noch nicht so weit, und wir würden informiert, sobald sich Konkretes abzeichnet.

5. Januar 2016: „Wir werden das Projekt neu bewerten“

Eine E-Mail von Gebhard Gentner. Der Technik-Geschäftsführer schreibt an E&M: „Die Entscheidung des Landes BW zur Förderung beziehungsweise in diesem Fall zur Nichtförderung der Anlage ist wohl am 8. Dezember 2015 gefallen. Eine offizielle Nachricht haben wir noch nicht erhalten, auch nicht welche Anlagen zum Zuge kommen. Ich habe gestern Abend von einem Ministerialdirigenten erfahren, dass wir wohl nicht zu den Begünstigten gehören. Wir werden deshalb das Projekt jetzt ohne Förderung aktualisieren und neu bewerten, es tut sich im Moment wieder etwas bei den Preisen für Regelleistung und vor allem bei der Präqualifikation. Der ‚so gut wie bestellte Speicher‘ hätte zum damaligen Zeitpunkt seine Schwierigkeiten damit gehabt. Ich kann ja Ihre Ungeduld verstehen, aber die Stadtwerke, und da spreche ich nicht nur von Schwäbisch Hall, stehen mit dem Rücken zur Wand.“

Die endgültige Absage für eine Förderung kam im Februar 2016.

Im Vorfeld des Jahres 2015 hatte Gentner viele Gespräche mit der Landespolitik, er wollte doch noch an Fördermittel kommen, aber vergeblich. „Die Politik ist beseelt von allem Smarten“, schimpft Gentner in einem Telefongespräch mit E&M im Juni vergangenen Jahres. Immerhin aber lobt er den grünen Umweltminister des Landes, Franz Untersteller: „Der versteht was von Energie, aber dem sind auch die Hände gebunden.“ Die Stadtwerke stünden für die „Energiewende nicht mehr zur Verfügung“, klagt der Geschäftsführer, „unsere Möglichkeiten sind mittlerweile sehr eingeschränkt, denn womit sollen wir noch Geld verdienen“. Vorreiter sein, wie es die Stadtwerke Schwäbisch Hall oft waren, das sei vorbei.

Dass eine Batterie alleine nicht mehr förderfähig sei, das hätte Gentner noch verstanden, deshalb schlug er der Politik ein Projekt vor, bei dem Schwäbisch Hall ein Muster nicht nur fürs Ländle, sondern für die gesamte Bundesrepublik hätte werden können: „Wir wollten schauen, wie das Lastmanagement bei uns mit 70 Prozent eigenerzeugten erneuerbaren Strom im Netz mit der Integration einer Batterie aussehen müsste. Die Überlegung war, wie wir unsere Stadt autark stellen können und wie man das aufs Land und die gesamte Republik übertragen könnte.“ Die Idee von Gentner hat in der Politik nicht gegriffen. Man habe ihm „ganz lapidar“ gesagt, dass „so etwas kein Mensch“ verstünde, ob er nicht etwas Kleineres habe wie etwa, dass man im „Smart Grid automatisch Türklinken öffnen könnte“, gibt sich Gentner ironisch.

Nach dem Motto jetzt erst recht und mit der politischen Rückendeckung aus dem Rathaus hat Gentner nochmal ausgeschrieben. Angefragt wurden die gleichen Unternehmen wie im Jahr 2014, und siehe da: Die Preise waren bis zu 30 Prozent niedriger. Der Ausschreibungs-, Angebots- und Auswahlprozess zog sich über Monate hin.

23. Dezember 2016: „Wir werden damit nicht das große Geld verdienen“

Einen Tag vor dem Heiligabend unterschreibt Gebhard Gentner den Kaufvertrag, und macht dem Gewinner der Ausschreibung damit ein Weihnachtsgeschenk – Siemens, die aus dem ersten Rennen um den Auftrag freiwillig ausgeschieden sind, erhielt den Zuschlag. Und das Angebot war im Detail so, wie es sich der technische Geschäftsführer vorgestellt hatte, vor allem der zehnjährige Vollwartungsvertrag: „Das ist ein Full-Service-Vertrag wie wir Full-Service verstehen“, so Gentner, man habe da bei den zahlreichen Blockheizkraftwerken in Schwäbisch Hall viel gelernt und lasse sich auf nichts Ungefähres ein. 1 MW Leistung hat die bestellte Batterie, die Kapazität beträgt 1,4 MWh: Garantiert für zehn Jahre.

Gentner hat gerechnet: „Wenn wir auf dieser Basis den Kaufpreis nehmen und mit den Zuschlagszeiten im Primärregelleistungsmarkt des letzten Jahres kalkulieren, dann rechnet sich der Speicher nach zehn Jahren. Wir werden damit nicht das große Geld verdienen, aber wir haben wieder ein Vorzeigeprojekt, denn es reicht nicht, sich ein grünes Fähnchen in den Garten zu stellen, es sollen schon echte Anlagen sein.“

Die Lithium-Ionen-Batterie des Speichers ist eine Sache, die Vermarktung der Megawattstunden die andere – nicht ganz leichte, und bei den Hallern auch noch nicht geregelte. Für die Teilnahme am Regelenergiemarkt ist neben der Präqualifikation des Speichers auch die Besicherung der angebotenen Leistung notwendig. „Das ist eigentlich das größte Problem, über das wir lange nachgedacht haben“, erklärt Gentner. Eine Möglichkeit wäre gewesen, ein eigenes BHKW dafür zu nutzen, so die Überlegung des Geschäftsführers, „aber dafür hätten wir eine 2-MW-Maschine immer mit 1 MW fahren und sie bei der Batterieanforderung hoch- oder runterfahren müssen. Das würde uns allerdings Geld kosten und wenn es zwei- oder dreimal nicht funktionieren würde, dann wären wir aus dem Primärregelmarkt raus und könnten auch unsere Präqualifikation verlieren“.

Deshalb hat man die Suche nach einem Vermarkter für den Speicher begonnen mit dem Ziel, eine feste Vergütung zu bekommen, egal wie viel Geld mit dem Speicher am Regelenergiemarkt zu verdienen ist. Gentner: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich will da einen Speicher hinstellen und dann mit dem Ganzen nicht mehr viel zu tun haben.“ Gespräche dazu mit Unternehmen wie EnBW, EnerNOC, MVV Energie und Trianel laufen noch.

Wie viel Kraftwerke noch vom Markt genommen werden und wie lukrativ der Regelenergiemarkt dadurch in Zukunft wird, das weiß heute kein Mensch, „vor allem deshalb nicht, weil die Politik und auch die Ministerien einfach nur durch die Gegend irren“, klagt Gentner, die BHKW stünden in Berlin nicht mehr auf der Agenda, obwohl gerade die Kraft-Wärme-Kopplung die notwendigen flexiblen Leistungen darstellen könnte. Das neue KWKG nütze zwar ein bisschen, „aber es löst die eigentlichen Probleme nicht“, so Gentner.

September/Oktober 2017: „Wir werden unserer Verantwortung gerecht“

Nach zwei Ausschreibungen und vielen Verhandlungsrunden wird nun etwa zwei Jahre später als ursprünglich geplant laut Liefervertrag mit Siemens der Batteriespeicher im Herbst 2017 in Schwäbisch Hall in Betrieb genommen werden. „Und wir glauben sogar, dass wir mit der Anlage so eine kleine Wirtschaftlichkeit darstellen können“, gibt sich Gentner optimistisch. Aber fast noch wichtiger war den Stadtwerkern in der Bausparkassen-Stadt, dass „wir trotz aller Widrigkeiten aus der Politik unserer Verantwortung im Rahmen der Energiewende auch gerecht werden“, sagt Gentner, und gibt damit ein Signal an die Parlamentarier in Berlin und in Stuttgart.

Den SPD-Oberbürgermeister und Aufsichtsratschef Hermann-Josef Pelgrim wird die Entscheidung freuen – hoffentlich.
 
 
So ähnlich wird der "Siestorage" von Siemens bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall aussehen
Bild: Siemens

Der von Siemens gelieferte Speicher vom Typ „Siestorage“ hat eine Leistung von einem Megawatt bei einer Kapazität von 1,4 Megawattstunden und wird schlüsselfertig nach Schwäbisch Hall geliefert. Das modulare System besteht aus Lithium-Ionen-Zellen (von LG Chem), Wechselrichter, Transformator und dem Steuerungssystem und wird zur Vermarktung von Primärregelleistung eingesetzt. Diese Leistung muss innerhalb von 30 Sekunden zur Verfügung stehen, um die Netzstabilität zu garantieren und einen Stromausfall zu verhindern, was mit konventionellen Kraftwerken in dieser Geschwindigkeit nicht möglich ist. Die Übertragungsnetzbetreiber schreiben die benötigte Primärregelleistung marktbasiert wöchentlich aus.
 

Helmut Sendner
Herausgeber
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Freitag, 17.02.2017, 10:33 Uhr

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