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Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
"Dass sich Eon neu erfindet, sollten die Stadtwerke sehr ernst nehmen"
Trianel-Chef Sven Becker mahnte die Kommunalversorger, sich für die Komplexität der neuen Energiewelt zu wappnen. Sein Unternehmen hat jetzt auch nachts und am Wochenende Energiehändler im Einsatz.
 
E&M: Herr Becker, Eon hat entschieden, sich vom Erzeugungsgeschäft zu trennen und jetzt auf Kundenlösungen, Netze und Erneuerbare zu setzen. Ist das auch ein Angriff auf die Stadtwerke?

Becker: Die Antwort ist ganz klar: Ja. Mit der neuen Gesellschaft wird sich Eon ganz eindeutig auf das Downstream-Geschäft konzentrieren. Die Wertschöpfungskette der Energiewirtschaft wird künftig als Folge von Dezentralisierung und Energiewende vor allem von den Kunden ausgehen. Zunächst wird sich der Wettbewerb im Dienstleistungsgeschäft wohl auf Gewerbe- und Industriekunden konzentrieren, die Partner für innovative Lösungen für ihre variablen Lasten und für das Zuschalten ihrer dezentralen Erzeugungsanlagen suchen. Dass ein so großes Unternehmen, das bislang ausschließlich auf zentralen Kraftwerksmodellen basierte, sich neu erfindet und mit ganzer Kraft in diesen Markt geht, sollten die Stadtwerke sehr ernst nehmen.

E&M: Wie steht es mit der These, dass die Stadtwerke automatisch die Gewinner der Energiewende werden?

Becker: Stadtwerke sind im Grunde ideal positioniert auf der letzten Meile, sie haben den Kundenkontakt. Den müssen sie jetzt aber auch ‚aufladen‘ - also diesen Zugang zum Kunden wirklich nutzen. Ich habe bereits 2012 gesagt, dass es falsch ist zu behaupten, dass Stadtwerke die geborenen Gewinner der Energiewende seien. Sie werden nur gewinnen, wenn sie mit der neuen Komplexität umgehen können. Sie müssen sich sämtlichen Chancen der Energiewende öffnen.

"Jedes Stadtwerk sitzt bei uns sozusagen virtuell auf einem hochmodernen Tradingfloor"
 
E&M: Was wird künftig die wichtigste Herausforderung sein?

Becker: Die zentrale Aufgabe wird sein, in jedem Augenblick die dezentrale Einspeisung und den Verbrauch in ein Gleichgewicht zu bringen. Diese Aufgabe wird immer komplexer, sowohl im Netz als auch im Handelsmarkt. Wer heute Strom liefern und damit Geld verdienen will, der muss die Volatilität der Einspeisung aus erneuerbaren Energien und die Volatilität der Nachfrage, die sich durch Eigenerzeugung ebenfalls grundsätzlich ändert, kurzfristig beherrschen. Nur wenn ich möglichst genau abschätzen kann, wie viel Strom mein Kunde tatsächlich in den nächsten Stunden aus meinem Bilanzkreis entnimmt und wie viel Strom aus Sonne, Wind oder dezentralen Kraftwerken in meinen Bilanzkreis eingespeist wird, kann ich mein Portfolio und meinen Bilanzkreis gut bewirtschaften. Dafür muss ich Wetter- und Verbrauchsprognosen optimieren und Differenzmengen immer kurzfristiger handeln.
 
Sven Becker: "Keiner wird derzeit in ein unreguliertes Geschäft investieren"
Bild: Trianel
 
E&M: Welche Konsequenzen hat Trianel daraus gezogen?

Becker: Wir haben im vergangenen Jahr das Prinzip 24/7 auf unserem Tradingfloor verstärkt. Das heißt, bei uns sorgen jetzt rund um die Uhr und auch am Wochenende Trader dafür, dass die Portfolios unserer 120 Kunden auch kurz vor dem Lieferzeitpunkt optimal gemanagt werden. Jedes Stadtwerk sitzt bei uns sozusagen virtuell auf einem hochmodernen Tradingfloor, denn der betreuende Portfoliomanager arbeitet bei uns in unmittelbarer Nähe der Händler. Insgesamt arbeiten in unserem Handelszentrum mittlerweile knapp 100 Leute. Wir haben hier stark aufgestockt.

E&M: Handeln Sie nur auf fremde Rechnung?

Becker: Wir handeln auch auf eigene Rechnung, allerdings mit begrenzt spekulativem Appetit. Ich halte es für wichtig, dass wir selbst Positionen eingehen und somit auch unsere Exzellenz in der Marktanalyse immer weiter steigern. Es ist ein starkes Argument für unsere Kunden, dass wir Geschäfte, die wir für Dritte machen, auch für uns selber machen - nach dem Motto ‚Put your Money where your mouth is‘. Wir haben 2014 wirklich ein erfolgreiches Handelsjahr gehabt. Wir sind zunehmend auch in die Kurzfrist- und Intradaymärkte gegangen, auch in Richtung Österreich und Frankreich, und haben unsere Kompetenz im Bereich Meteorologie erhöht, so dass wir an diesem Kurzfristende wirklich erfolgreich profitieren konnten.
 
"Wir konzentrieren unsere Manpower in den regenerativen Projekten"

E&M: Was tun Sie, um die Komplexität von Beschaffungs- und Portfoliomanagementprozessen für kleinere und mittlere Unternehmen besser zu bewältigen?

Becker: Die immer höheren Anforderungen an energiewirtschaftliche Prozesse werden nur durch einen vollautomatisierten Datenaustausch zu erfüllen sein. Wer glaubt, noch mit händischen Prozessen und Excel-Tabellen erfolgreich sein zu können, wird sich wohl täuschen. Auf der Grundlage von Wetterdaten, Preiskurven, Absatzerwartungen und den Daten von Netzbetreibern müssen Prognosen erstellt und in immer kürzeren Abständen angepasst werden. Anschließend müssen die Handelsgeschäfte getätigt und abgerechnet werden. Wir arbeiten gerade an einem webbasierten Portal, das alle diese Prozesse und auch die zugehörigen amtlichen Meldepflichten in einem durchgehenden Prozess und Datenfluss managt. Wir wollen damit auch das Problem der unterschiedlichen Schnittstellen der verschiedenen IT-Systeme bei unseren Stadtwerkekunden lösen.

E&M: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat im Januar Zahlungen für das Vorhalten von Kraftwerken (Kapazitätsmarkt; d. Red.) eine kaum verklausulierte Absage erteilt. Welche Konsequenzen hat das für das Kraftwerksgeschäft von Trianel?

Becker: Wir haben die Projektentwicklung komplett restrukturiert. Nach wie vor sind wir davon überzeugt, dass zukünftig neue, flexible Kapazitäten notwendig sind, um den Ausbau der Erneuerbaren zu unterstützen, Stichwort Pumpspeicher. Allerdings bekommen wir dieses Geschäft nicht abgebildet und finanziert. Keiner wird derzeit in ein unreguliertes Geschäft investieren. Daher haben wir diese Projekte zurückgefahren, auch wenn wir uns die Optionen, von denen wir nach wie vor energiewirtschaftlich überzeugt sind, erhalten. Wir haben die Teams neu strukturiert und konzentrieren unsere Manpower in den regenerativen Projekten. Onshore- und Offshore-Wind ist das einzige, wo wir derzeit aktiv weiter investieren wollen.

E&M: Wollen Sie den zweiten Abschnitt des Offshore-Windparks Borkum West bauen? Der erste Abschnitt ist ja jetzt mit Verzögerung aufgrund des fehlenden Netzanschlusses Anfang Februar in Betrieb gegangen.

Becker: Das Ziel ist, den Baubeschluss für die nächsten 200 MW im zweiten Quartal 2016 zu fällen. Wir haben die Genehmigung für die zweite Ausbaustufe, ein eigenes Umspannwerk und die Netzanschlusszusage der Bundesnetzagentur. Deshalb sind wir gut aufgestellt, um dieses Projekt jetzt weiterzuentwickeln. Unser Offshore-Team in Hamburg mit knapp 30 Leuten hat in den letzten Jahren nicht zuletzt über die erfolgreiche Bewältigung vieler technischer Herausforderungen eine große Erfahrung gesammelt. Die Industrie ist heute wesentlich weiter als vor fünf Jahren. Die Standardisierung macht Fortschritte und die Einzelgewerkvergabe kann entschlackt werden, weil mehrere Gewerke gemeinsam anbieten. Das wird Schnittstellen und Risiken reduzieren. Vor diesem Hintergrund halte ich den zweiten Bauabschnitt für ein sinnvolles und werthaltiges Investment.
 

Timm Krägenow
© 2017 Energie & Management GmbH
Dienstag, 10.02.2015, 10:03 Uhr

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