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Bild: Fotolia.com, XtravaganT
KWK:
1 MW < KWK-Ausschreibung < 50 MW
Betreiber von KWK-Anlagen wollen künftig die ungeliebten Auktionen mit Anlagen umgehen, die von ihrer Größe darunter- oder darüberliegen. Ob das funktioniert?
 
Generationen von Schülern kennen den Spruch aus dem Geschichtsunterricht: „Drei, drei, drei – Issos Keilerei.“ Dieser Knüppelreim soll als Eselsbrücke an die Schlacht zwischen dem Perserkönig Dareios III. und Alexander dem Großen im Jahr 333 vor unserer Zeitrechnung an der heutigen türkischen Mittelmeerküste erinnern.
Auch bei den Protagonisten der Kraft-Wärme-Kopplung hierzulande könnte in nächster Zeit ein ähnlicher Spruch seine Runde machen: „Neun, neun, neun – wird die KWK-Branche freu'n.“

Was leicht erklärt ist: Nach dem nervigen und monatelangen Gezerre um die Novelle des Kraft-Wärme-Kopplung-Gesetzes hatten sich das Bundeswirtschaftsministerium und die EU-Kommission im vergangenen Spätherbst auf einen Kompromiss verständigt: Brüssel gab zwar grünes Licht für das KWKG aus Berlin, knüpfte das Ja aber unter anderem an künftige Ausschreibungen in der Leistungsklasse zwischen 1 und 50 MW.

„Wie es aussieht, umgehen eine Reihe von Investoren diesen Ausschreibungskorridor, indem sie entweder Blockheizkraftwerke mit etwas weniger als einem Megawatt Leistung bestellen oder eben mit etwas mehr als 50 Megawatt“, beschreibt Gerd Krieger, langjähriger KWK-Experte in den Reihen des Industrieverbandes VDMA Power Systems, die aktuelle Marktsituation. Daher auch der 999er-Spruch: Neun, neun, neun steht für nichts anders als „999 Kilowatt“.
 
Vielleicht kommt das Zulagensystem wieder auf den Prüfstand
 
Dass, wie zuvor schon bei der Photovoltaik und der Windenergie, Auktionen auch in der KWK-Branche wenig Beifall finden, ist keine Überraschung. Der damit verbundene Aufwand, aber auch der sich abzeichnende überschaubare Ausbaupfad lassen niemanden in Euphorie verfallen. „Die KWK ist nicht tot, aber ich nehme auch keinen Aufbruch wahr“, lautet deshalb Kriegers ernüchterndes Fazit. Viele Investoren warteten derzeit nach seiner Einschätzung den Ausgang der Bundestagswahl am 24. September ab: „Vielleicht kommt danach das ganze Zulagensystem wieder auf den Prüfstand“, hoffen sie. All das klingt wie ein Hängen zwischen Baum und Borke.

Einen Aufbruch für die Kraft-Wärme-Kopplung mit dem neuen Ausschreibungsmodus, also eine spürbare Belebung des BHKW-Marktes, erwartet auch Georg Klene von den Stadtwerken Lemgo nicht. Die Lipperländer produzieren heute ihren Strom zu mehr als 70 Prozent in eigenen Heizkraft- und Blockheizkraftwerken und gelten deshalb als KWK-Hochburg in Nordrhein-Westfalen. „Ich gehe davon aus, dass der Großteil des Ausschreibungsvolumens zum einen auf größere und dann auf modernisierte Anlagen entfällt, sodass auf das Neugeschäft mit für den dezentralen Einsatz so wichtigen Anlagengrößen zwischen einem und zwei Megawatt nicht mehr viel übrig bleibt“, sagt der Bereichsleiter Energiedienstleistungen.

In diesem Jahr soll es, wenn alles klappt, eine KWK-Ausschreibung mit einem Volumen von 100 MW geben, für die Folgejahre sind 200 MW für die Förderung vorgesehen. Ein Aufbruch sieht anders aus und eine Situation wie in Dänemark, wo der KWK-Anteil an der Stromerzeugung mitunter bei über 60 Prozent lag, wird es hierzulande nicht geben – das ist absehbar.
 
Industrielle KWK-Erzeugung fällt durch den Rost
 
Die von Klene skizzierte künftige Marktentwicklung hat die drei KWK-Verbände, den Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung (BKWK), die Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch (ASUE) sowie den Verband für Wärmelieferung (VfW), auf den Plan gerufen: In einer gemeinsamen Stellungsnahme zum Referentenentwurf für die KWK-Ausschreibungen plädierten sie dafür, das künftige Ausschreibungsvolumen jeweils zur Hälfe auf die Leistungsbereiche 1 bis 10 MW und 11 bis 50 MW aufzuteilen. Was wohl ein frommer Wunsch bleiben dürfte. Das gilt auch für den Vorschlag, das Ausschreibungsvolumen zwischen 2018 und 2021 jährlich um 50 MW zu erhöhen.

Der große Push für den KWK-Ausbau wird künftig jedenfalls fehlen: Da nach dem erwähnten Referentenentwurf nur noch KWK-Strom, der ins öffentliche Netz gespeist wird, gefördert werden soll, fällt die industrielle KWK-Erzeugung durch den Rost. Dennoch gibt es für Joachim Voigt, Vertriebsleiter beim BHKW-Hersteller Sokratherm, weiterhin in der Industrie genügend Projekte, die unter Effizienzaspekten sinnvoll und auch wirtschaftlich sind. Allerdings verlängerten sich ohne Förderung, so Voigt, die Amortisationszeiten: „Die Pay-Back-Zeiten liegen bei Projekten, die ich kenne, heute zwischen drei bis dreieinhalb Jahren.“ Die verschlechterte Wirtschaftlichkeit erhöht für Planer und Hersteller den Beratungsaufwand. Im ungünstigsten Fall dürfte sich eine Reihe von Industrie- und Gewerbeunternehmen gegen eine KWK-Lösung entscheiden und für ihre Wärmeversorgung eine reine Kessellösung bevorzugen.

Fakt ist, dass es um das politische Standing der Kraft-Wärme-Kopplung derzeit wenig prickelnd bestellt ist. Von dem einst mal angedachten Ziel eines 25-prozentigen Anteils der KWK an der Stromerzeugung bis zum Jahr 2020 spricht in Berlin niemand mehr, im Konzert der Energiewende und der Klimaschutzpolitik ist die Kraft-Wärme-Kopplung kaum zu vernehmen. Diese Malaise machte Nordrhein-Westfalens Wirtschafts- und Energieminister Garrelt Duin (SPD) jüngst auf einer Energieveranstaltung an einem Namen fest: „Was wollen Sie von einem Staatssekretär wie Rainer Baake im Bundeswirtschaftsministerium erwarten, der nichts von der Kraft-Wärme-Kopplung hält?“
 
Von einer Abschaffung der KWK kann keine Rede sein

 
Dass Volker Bajus, energiepolitischer Sprecher der grünen Landtagsfraktion in Niedersachsen, seinem Parteifreund Baake wie jüngst auf der Hannover Messe die Stange hält, versteht sich fast von selbst: „Das neue KWK-Gesetz und die Verordnung für die Ausschreibung ist ganz allein Ausdruck schwarz-roter Energiepolitik, eine grüne Schwalbe im Wirtschaftsministerium macht noch keinen Sommer.“ Von einer Abschaffung der Kraft-Wärme-Kopplung könne keine Rede sein, sagt Bajus: „Die KWK ist eine wichtige Übergangstechnologie, bei der künftig aber verstärkt biogene Brennstoffe oder mit Wind- und Solarenergie gewonnenes Methan eingesetzt werden müssen.“ Das helfe der KWK, von ihrem vorhandenen fossilen Image wegzukommen.

Nicht nur deshalb sei ein Umdenken in der KWK-Branche angesagt, fordert Detlef Siebert. „Alle dezentralen KWK-Betreiber sollten besser darauf setzen, ihre Anlagen so flexibel wie möglich am Strommarkt einzusetzen“, so der bei der Natgas AG für das Vertriebsgeschäft zuständige Energiemanager. Es mache zunehmend weniger Sinn, Strom in neuen KWK-Anlagen zu erzeugen, wenn die Netze voll mit Wind- und Solarstrom seien. Bei seinem Drängen auf einen viel stärkeren Einsatz von KWK-Anlagen sieht sich Siebert durch den Verordnungsentwurf für die KWK-Ausschreibungen gestärkt: „Danach werden nur noch maximal 3 000 Betriebsstunden pro Jahr gefördert, wobei das Fördervolumen auf 30 000 Stunden begrenzt ist. Dadurch ist es wirtschaftlich geboten, so viel wie möglich an Erlösen am Strommarkt zu erzielen und darauf zu achten, dass die neuen Anlagen nur die 3 000 Stunden im Jahr betrieben werden, die auch die werthaltigsten im Jahr sind."

Was nicht nur allein vom IT-Equipment abhängt: „Das Gros der Ingenieurbüros, die für Industrie und Stadtwerke KWK-Anlagen planen, setzt infolge ihrer traditionellen Ausbildung an den Hochschule auf eine wärmegeführte Fahrweise der Blockheizkraftwerke“, klagt Siebert, Strom werde deshalb nur als ein Abfallprodukt gesehen. Die KWK, so sein Impetus, müsse auf neue Füße gestellt werden: „Mit einer verstärkten Flexibilisierung kann die KWK eine wichtige Rolle für die Systemsicherheit in einer immer volatileren Gesamtversorgung übernehmen.“

Sieberts Ansätze dürften die KWK-Branche sicherlich umtreiben. Wie auch die wohl nach der Bundestagswahl anstehenden Debatte um ein neues Förderregime. Um erneut ein quälendes Gezerre zu vermeiden, plädiert Martin Maslaton, einer der drei BKWK-Vizepräsidenten, für eine schnelle Lösung: „Lasst uns zu einer richtigen CO2-Besteuerung kommen. Bei einer solchen Regelung hätte die KWK so viele Vorteile, dass wir uns die Debatte um Fördersätze und -volumina ersparen können.“
 

Ralf Köpke und Armin Müller
© 2017 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 18.05.2017, 09:57 Uhr

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