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Volker Stephan
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Donnerstag, 15.09.2022, 17:20 Uhr
Strom
E&M News
Betriebe schrecken zu Tausenden vor neuen Stromverträgen zurück
Die Energiekrise wird auch in Zahlen greifbar. Abermilliarden Kilowattstunden Strom sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht geordert, obwohl sie ab Anfang Januar zur Verfügung stehen müssen.
Die Nervosität und Angst in Handel und Gewerbe bringt Schwindel erregende Kennziffern hervor: Milliarden an Kilowattstunden Strom werden aktuell nicht gehandelt. Unternehmen und Firmen schrecken davor zurück, bei ihren Versorgern jetzt Verträge zu erheblich schlechteren Konditionen für die kommenden Jahre abzuschließen.

Beispiel Osnabrück: Etwas mehr als 1.000 Gewerbekunden, sagt der Sprecher der Stadtwerke Osnabrück auf Anfrage unserer Redaktion, verfügen im Moment über keinen Anschlussvertrag für ihren Strombezug ab Januar 2023. Darunter befindet sich auch eine Supermarkt-Kette, deren Standorte im Jahr etwa 1,5 Mio. kWh Strom verbrauchen.

Die Südniedersachsen kennen die Anzahl ihrer zögernden Gewerbetreibenden schon jetzt so genau, weil sie bereits im Juli und August in Anschreiben auf die drohende Verschlechterung der Vertragsbedingungen hinwiesen. Diese Information war nichts anderes als die Kündigung der bisherigen Geschäftsbeziehung. Andere Versorger lassen sich womöglich bis kurz vor Ende der dreimonatigen Kündigungsfrist Zeit, also bis zum 30. September für bis Ende des Jahres gültige Verträge.

Abwarten und Hoffen

Überall in der Republik ist es das gleiche Bild. Die Kostensteigerung beim Strom um den Faktor 4, 6 oder mancherorts gar 10 lässt die Alarmglocken bei Unternehmen schrillen. In der Geschäftswelt ist es Usus, mit Versorgern ein- oder mehrjährige Kontrakte einzugehen, die kurz vor dem Auslaufen zur Verlängerung anstehen. Mit der so genannten Stichtagsbeschaffung waren Firmen vor der Energiekrise meist auf der sicheren Seite, ließen sich ein Angebot zu aktuellen Preisen unterbreiten und ein paar Tage Zeit zum Überlegen, ehe sie die Konditionen abnickten oder möglicherweise zu einem günstigeren Anbieter wechselten.
 

Aktuell aber herrscht vielerorts Stillstand im Vertriebsgeschäft. Für gewöhnlich, so der Osnabrücker Stadtwerke-Sprecher, seien vor dem letzten Quartal eines Jahres die Verträge mit den Wirtschaftsunternehmen längst in trockenen Tüchern. Jetzt machten die Stadtwerke zwar Vertragsangebote, wegen der gestiegenen Preise sehen die gut 1.000 Firmen aber keine Möglichkeit, die entstehenden Kosten zu stemmen. Abwarten lautet die Devise, verbunden mit der Hoffnung, in den kommenden Wochen werde die Bundesregierung funktionierende Ideen umsetzen, die die Energiepreise drücken.

Ein jetzt nicht geschlossener Vertrag bedeute natürlich nicht, so Osnabrücks Stadtwerke-Sprecher, dass die Gewerbetreibenden zu Jahresanfang 2023 ohne Strom dastehen. Sie würden dann automatisch in die für drei Monate gesicherte Ersatzversorgung des Grundversorgers fallen – in Osnabrück sind das die Stadtwerke, die dann also doch zu einem teureren Tarif liefern würden.

Entlastungsmaßnahmen dringend notwendig

Abzuwarten sei möglicherweise im Augenblick wenn schon kein guter, so doch ein gangbarer Weg für Unternehmen, die um ihre Liquidität fürchten. Wenn ein Jahresvertrag zum aktuellen Strompreis die finanziellen Möglichkeiten einer Firma übersteige, bleibe die Hoffnung, dass die angekündigten Entlastungsmaßnahmen des Staates bald greifen und bessere Stromverträge ermöglichen. Auch die Stadtwerke Osnabrück setzen darauf, aktuell gibt es überhaupt nur für Bestandskunden ein neues Angebot mit fixen Tarifen. Allen anderen steht nur die Grundversorgung offen.

Die kritische Situation im Privat- wie Gewerbebereich mache jedenfalls deutlich, so der Stadtwerke-Sprecher, dass umfassende Entlastungsmaßnahmen dringlich seien. Dies bedeute auch, einen finanziellen Rettungsschirm für Stadtwerke zu spannen. Sie seien verschiedentlich unter Druck, etwa durch die an der Börse zu hinterlegenden Ausfallsicherheiten. Dies ist eine Art Kaution für die georderten Mengen Strom. Hinzu kommen drohende Zahlungsausfälle von privaten wie gewerblichen Kunden, Prognosen gehen hier von mehr als 10 % säumiger Zahler aus.