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Blick ins Publikum der Konferenz "Energiemanager". Quelle: Knut Vahlensieck
Volker Stephan
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Mittwoch, 14.09.2022, 16:13 Uhr
Energiemanager
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"Mehr Industriekunden in existenziellen Nöten"
Gasimporteur Uniper macht sich „größte Sorgen“ um eine ganze Reihe seiner Großkunden. Dies erklärte dessen Energievertriebs-Chef Sebastian Jochem während der Konferenz "Energiemanager".
Deutschlands größter Gasimporteur und -händler Uniper sieht immer mehr seiner Industriekunden in existenziellen Nöten. Die explodierten Preise bei Gas, Strom und CO2-Zertifikaten bereiteten den Großabnehmern „Riesenprobleme“, sagte Sebastian Jochem, Unipers Geschäftsführer Energy Sales, während der Energiemanager-Konferenz am 14. September in Dortmund.

Befürchtungen, die das Horrorszenario eines „deindustrialisierten Industriestandorts“ vorhersagen, teilt Jochem indes nicht. Die Versuche der Bundesregierung, die Energiekrise einzuhegen, nötigen ihm Respekt ab. „Beim Tempo, in dem auch tiefe Eingriffe in den Markt diskutiert werden, wird mir aber schwindelig“, so Jochem mit Bezug auf Vorschläge wie Preisdeckel für Strom und Gas oder das Abschöpfen so genannter Zufallsgewinne.

In Dortmund war die Gefahr einer Rezession und einer Insolvenzwelle omnipräsent. Jochem stellte in seiner Analyse staatliche Eingriffe nicht grundsätzlich an den Pranger. Uniper selbst hat Milliardenhilfe des Bundes in Anspruch genommen. Preise einzufrieren sei etwa „vorstellbar als temporäre Maßnahme, um Schlimmstes zu verhüten“. Dies müsse aber gut überlegt sein – bis hin zu einer klaren Abschätzung der Folgen.

Gasrußwerke nehmen Uniper nur noch die Hälfte Gas ab

"Abgewandert" sei aktuell noch keiner der Gasabnehmer von Uniper, so Jochem. Absatzrückgänge gebe es gleichwohl. Einer der Uniper-Kunden bestätigte dies in Dortmund. Siegfried Moritz, Geschäftsführer der Deutschen Gasrußwerke, sagte, sein Unternehmen habe den Bezug von Uniper um etwa die Hälfte reduziert. Dies sei aber kein Zeichen für eine gedrosselte Produktion. Die Gasrußwerke hätten den Brennstoff ersetzen können.
 
 
Auf einem Podium des "Energiemanagers": (von links) Michael Dusch (M3 Management Consulting), Sebastian Jochem (Uniper), Stefan Sagmeister (Moderator, E&M) und Christian Held (Becker Büttner Held)
Quelle: Knut Vahlensieck

Neben der verlässlichen Gaslieferung, "der wir uns weiter verpflichtet fühlen", sieht Jochem Uniper noch an anderer Stelle gefordert: in der Beratung von Kunden. So habe es keine geringe Menge an Firmen gegeben, die von der Möglichkeit gar nicht erfahren hätte, ihre Energiekosten senken zu können. Für eine Anzeige ihrer Bedürftigkeit hätten den Unternehmen nur wenige Wochen zur Verfügung gestanden, in dieser Zeit sei eine Unmenge an Daten zu liefern gewesen. „Da ist eine Möglichkeit zur Kostendämpfung an vielen vorbeigegangen“, so Jochem. Hier wolle Uniper verstärkt beratend tätig werden.

Perspektivisch sei es zudem wichtig, mit den Industriekunden und weiteren Abnehmern eine Strategie für die Dekarbonisierung zu entwickeln. Uniper will dies über so genannte „Decarb-Roadmaps“ anbieten, die individuelle Wege zur Klimaneutralität bis 2030 oder 2035 aufzeigen. Instrumente dafür gebe es ausreichend:
  • Wasserstoffeinsatz,
  • Biomasse
  • oder den Einsatz von Wärmepumpen.
Jochem warnte allerdings davor, dass in der aktuellen Energie- und Preiskrise Firmen ihre Effizienzziele zurückstellten. Ihn habe eine Studie des Industrieverbandes BDI aufgeschreckt, der zufolge 42 % der Unternehmen ihre geplanten Maßnahmen zur Transformation der Energieversorgung abgesagt hätten. Die Firmen begäben sich aber in einen Teufelskreis, wenn sie jetzt Investitionen in neue Brennstofftechnik, in Effizienzsteigerung oder in die Abwärmenutzung auf Eis legten.

„Wir brauchen Effizienzgewinne, um mit dem knappen Gas auch hinzukommen“, so Jochem. Der aktuelle Rückgang im Gasverbrauch um etwa 20 % sei nicht auf Effizienz zurückzuführen, sondern auf das Rückführen oder Einstellen der Produktion. Die Wirtschaft dürfe das Thema Dekarbonisierung nicht wegschieben, „es ist der Schlüssel, um mit der Energiekrise fertig zu werden, also Teil der Lösung“.

"Bringt nichts, einfach 140 Milliarden zu verteilen"

Der Jurist Christian Held, Partner der BBH Gruppe, sieht Energieversorger, Stadtwerke und Industrie in einer „Komplexitätsfalle“. Viele Auswirkungen der diskutierten regulatorischen Eingriffe seien weder verständlich noch in ihren Folgen einzuschätzen.

Held plädierte allerdings dafür, dass Berlin den Mut für „fundamentale Veränderungen“ bei den Preissetzungsmechanismen aufbringe. Es bringe nichts, 140 Mrd. Euro an Zufallsgewinnen einfach zu verteilen und damit „kurzfristig auf Symptome zu reagieren“. Wer ein Design ohne Preisbildung an der Börse wolle, müsse dies so fundamental angehen, dass ein „funktionsfähiger Rahmen“ für eine gelenkte Preisbildung das Marktsystem ersetze. Um die industrielle Wertschöpfung zu erhalten, müsse eine Grundsatzentscheidung zu Strompreisen her.

Bei weiteren Regulierungen "verfällt das System"

Widerspruch kam von Christof Spangenberg, Geschäftsführer der M3 Management Consulting GmbH. Er glaubt nicht, dass die Regierung tiefere Systemeingriffe unter starkem Zeitdruck rechtssicher umsetzen könne, und sagt eine Klagewelle voraus. Preissignale dagegen seien unabdingbar für eine richtige Steuerung im Markt. Sie sollten sich aber etwa auf Maßnahmen beschränken, Überhärten steuerlich aufzufangen. Bei weiteren Regulierungen „verfällt das ganze System“. Eine gelenkte Preisbildung habe schon in der Vergangenheit nicht funktioniert.