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Die Diskutanten der Wasserstoff-Podiumsdiskussion (von links): Andreas Kunz (Innio), Katherina Reiche (Westenergie), Jörg Bergmann (Open Grid Europe), Dirk Messner (Umweltbundesamt) und Moderatorin Ina Karabasz, Quelle: Handelsblatt
Davina Spohn
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Mittwoch, 19.01.2022, 13:48 Uhr
Wasserstoff
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Einstieg in Wasserstoffwirtschaft keine Frage mehr
Ein pragmatisches Vorgehen beim H2-Hochlauf forderte eine Berliner Diskussionsrunde. Internationale Partner und nicht-grüner Wasserstoff dürften nicht außen vor bleiben.
Eines brannte den Teilnehmern der Podiumsdiskussion "Wasserstoff − Klimahoffnung oder teurer Irrweg?" auf dem Handelsblatt-Energiegipfel gleich zu Beginn unter den Nägeln: Von Hoffnung oder teurer Irrweg zu sprechen, sei grundsätzlich falsch, wie Andreas Kunz anführte. "Wir sind beim Wasserstoff mitten in der Realität und arbeiten täglich an dem Thema", erklärte der Chief Technology Officer der Innio Group. Er verwies auf die langjährige Erfahrung des Motorenbauers im Bereich Wasserstoff: "Weltweit haben wir Anlagen mit über 250 MW mit bis zu 70 % Wasserstoff am Laufen". 

Das Entweder-oder stellte sich auch für Katherina Reiche nicht: "Wir sind weit über das Stadium hinaus, dass wir über die Frage des Obs sprechen", erklärte die Vorstandsvorsitzende des Essener Verteilnetzbetreibers Westenergie. Spätestens mit der Verschärfung der deutschen Klimaschutzziele, 2045 klimaneutral zu sein, gebe es neben dem Wasserstoff keine weitere Option, sagte Reiche mit Blick auf die Dekarbonisierung großer Industriebereiche. "Für mich ist Wasserstoff die industriepolitische Antwort auf die Dekarbonisierung".
 
Verweist auf die bereits 20-jährige Erfahrung von Innio im Bereich Wasserstoff: Innio-CTO Andreas Kunz
Quelle: Handelsblatt

Was derzeit noch fehle, sei der integrierte Blick. Zwar habe die Politik damit begonnen, an einzelnen Gesetzen zu arbeiten, die Frage nach dem Infrastrukturausbau komme dabei zu kurz. Reiche: "Keiner baut für 15 Prozent regulierter Rendite eine Leitung, wenn vorne nichts reinkommt und hinten der Abnehmer nicht dran ist". Von der Erzeugung bis zum Abnehmer sollte der Wasserstoff als industriepolitisches Projekt mit einem Mal reguliert werden. "Deutschlands Anspruch, H2-Leitmarkt zu sein, muss schnellstmöglich gesetzlich unterfüttert werden", so Reiche.

Sie befürchtet, dass Deutschland beim Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft an Tempo verliert. "Andere Märkte schlafen nicht", sagte die Westenergie-Vorstandsvorsitzende mit Blick auf Südkorea, Japan und die USA. Von einer "typisch deutschen Zurückhaltung" wusste auch Kunz von Innio zu berichten. Die Kundenfragen kämen bislang aus dem asiatischen und nordamerikanischen Raum.

Vorlaufzeiten bei der Investition berücksichtigen

Zuspruch bekamen Reiche und Kunz auch Jörg Bergmann. Der Sprecher der Geschäftsführung von Open Grid Europe verwies auf Studien, laut derer der Wasserstoffbedarf 2045 bei 450.000 TWh liege. "Hier ist ein erhebliches Potenzial, das wir jetzt anfangen müssen zu entwickeln und die Rahmenbedingungen dafür schaffen." Insbesondere in Anbetracht der Vorlaufzeiten bei der Investition der Unternehmen in die Wasserstofferzeugung, -verteilung und -anwendung spiele Zeit eine Rolle. Bergmanns Appell: "Wir müssen heute die Entscheidung treffen für die Dinge, die in fünf Jahren in Betrieb sein sollen". 

An mehreren Stellschrauben gelte es jetzt in kurzer Zeit zu drehen, wie Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, ergänzte. Schlüsseltechnologien wie die Elektrolyse müssen vorangetrieben werden, Zertifizierungssysteme und die Umsetzung der nötigen Infrastruktur seien nötig. Zugleich müsste die erneuerbare Energieerzeugung ausgebaut werden, um grünen Wasserstoff herstellen zu können.

Gleichwohl machte Messner auch die Frage der Farbe des Wasserstoffs auf. Grüner, aus Erneuerbaren hergestellter Wasserstoff müsse zwar im Zentrum stehen, "jedoch kann ich mir durchaus vorstellen, dass wir in der Übergangsphase Flexibilitätsoptionen brauchen, um den Strukturwandel zu Wasserstoff schnell hinzubekommen." 

Pragmatische und schnelle Vorgehensweise nötig

Die Notwendigkeit von blauem und türkisem Wasserstoff wollte auch Kunz von Innio nicht ausschließen. Zudem sei es in einem ersten Schritt für Deutschland wichtig, auch auf Gaskraftwerke und dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen im kleinen Leistungsbereich zu setzen. Mithilfe dieser Mittelwege gelte es pragmatisch vorzugehen, um bis 2045 sukzessive zu einer schlussendlich grünen Wasserstoffwirtschaft zu gelangen.

Angesprochen auf eine internationale Wasserstoffinfrastruktur und damit einhergehenden Abhängigkeiten von anderen Ländern gab sich der CTO von Innio gelassen. Am Ende sei die Klimaneutralität eine globale Frage, die alle Länder angehe. Reiche ergänzte: "Deutschland importiert bereits 70 Prozent seiner Primärenergie. In Zukunft werden wir nicht mehr nur Öl und Gas importieren, sondern eben auch grüne Energieträger." Den benötigten Bedarf an grünem Wasserstoff allein durch Elektrolyseure auf deutschem Boden zu decken, empfindet sie als nicht darstellbar. Reiche sieht den Import von Wasserstoff auch geopolitisch als eine Chance. Nicht zuletzt hätten langfristige Lieferverträge für die exportierenden Länder eine stabilisierende Wirkung.