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Volker Stephan
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Mittwoch, 10.11.2021, 14:41 Uhr
Nordrhein-Westfalen
E&M News
Streit zwischen Erneuerbaren-Verband und Nabu gipfelt in Demo
In Düsseldorf protestieren Windenergie-Entwickler erstmals öffentlich gegen Naturschützer. Warum in NRW das Tischtuch zwischen Branchenverband und Nabu zerrissen ist.
Menschen, die das Klima und die Arten schützen wollen, sollte man eine gewisse Nähe unterstellen. Am Mittwoch, 10. November, bleiben sie in Düsseldorf auf Abstand. Gut 100 Meter trennen den Landesverband Erneuerbare Energien (LEE NRW) und den Nabu (Naturschutzbund) NRW räumlich. Inhaltlich sind die Öko-Verbände sich gar nicht grün und so weit voneinander entfernt wie China vom Kohleausstieg.

Während die Lobby der Ökoenergie-Produzenten mit einer Demonstration samt Flashmob zum ersten Mal öffentlich Stimmung gegen den Nabu macht, nach LEE-Angaben mit 100 Teilnehmenden, igelt der Nabu sich in seiner Landesgeschäftsstelle ein. Er hat sogar die Polizei hinzugebeten, den Sicherheitsabstand zu überwachen.

Der Streitpunkt ist die Frage, was zuerst kommt: Klimaschutz oder Artenschutz. Für den LEE betont der Vorsitzende Reiner Priggen gegenüber unserer Redaktion, der Klimawandel sei das „alles dominierende Problem“ und der Ausbau der Windenergie somit der Schlüssel zum Erhalt aller Arten. Der Nabu NRW kontert mit der Vorsitzenden Heike Naderer, die Klimakrise und der Verlust von Tier- und Pflanzenarten seien gleichwertig zu betrachten. In beschleunigten Genehmigungsverfahrenen die Beteiligungsmöglichkeit von Verbänden wie dem Nabu zu beschneiden, wäre „nicht zielführend“.

 
Grün gegen Grün: Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Windbranche haben am 10. November nach einem Aufruf des Landesverbandes Erneuerbare Energien gegen den Nabu(Naturschutzbund)-Landesverband NRW demonstriert.
Quelle: LEE NRW

Nach Rechnung der Windparkentwickler behinderte der Nabu zuletzt Kapazitäten von mehr als 540 MW bei über 100 Windkraftanlagen. Die „teils überzogenen Artenschutzforderungen“ fänden sich in Klagen vor Gericht oder in Forderungen der Genehmigungsbehörden wieder, etwa nach Abschaltzeiten oder Ausgleichsmaßnahmen.

Aus Sicht des Nabu handele es sich dabei stets um den gerechtfertigten Einsatz für den „naturverträglichen Ausbau“ der Windenergie. Seit 2000, schreiben die Naturschützer im Netz, mache der Nabu im Schnitt ein Mal pro Jahr von seinem Verbandsklagerecht Gebrauch. Nach Angaben des Nabu gegenüber der Deutschen Presse-Agentur laufen derzeit neun Klagen gegen Windkraftprojekte, die beiden jüngsten wurden 2019 und 2021 eingereicht.

"Artenschutz ist nur ein Vorwand"

Priggen kritisiert dagegen, der Nabu führe bei seinen Eingaben auch Themen wie Schallschutz, die mögliche optische bedrängende Wirkung von Windturbinen oder das Bau- und Planungsrecht ins Feld: „Der Artenschutz ist nur der Vorwand für eine Klage, der Erhalt des Landschaftsbildes aber ist der eigentliche Grund.“

Ein im Mai vom Nabu NRW veröffentlichtes Positionspapier hat die Fronten verhärtet. Darin grenzt der Landesverband sich von seinem Präsidenten im Bund, Jörg-Andreas Krüger, ab, der zusammen mit der Parteispitze der Grünen im Dezember 2020 ein Strategiepapier veröffentlicht hatte. Den darin propagierten windkraftfreundlicheren Kurs ging der Verband im Westen nicht mit.

Im „Gegenentwurf“ zum Grünen-Nabu-Papier lehnt der Nabu NRW die von der CDU/FDP-Landesregierung durchgesetzte 1000-m-Abstandspflicht von Turbinen zur Bebauung zwar ab. Er beharrt aber auf einem Verbot von Windkraft im Wald, selbst in geschädigten Nutzwäldern. Heike Naderer: „Der Wald ist kein Gewerbegebiet. Windräder sind nicht nachhaltig und haben deshalb im ,Ökosystem Wald’ nichts zu suchen.“ Für Reiner Priggen ist das „lebensfremd“. Es verhindere die Zielvorgabe der möglichen Ampel-Koalition im Bund, für Windkraft zwei Prozent der Fläche Deutschlands bereitzustellen.

Wie rau der Ton mittlerweile ist

Die Wortwahl ist rustikal geworden: Priggen wirft den Naturschützern „Heuchelei“ vor, zugleich das Einhalten der Klimaziele und so viele Tabuflächen wie möglich zu fordern. Naderer verurteilt die Demo als „Einschüchterungsversuch“, was Priggen wiederum „lächerlich“ findet. Naderer warnte im Internet-Portal Riffreporter vor dem „gefährlichen Versuch, etwas zu spalten, was bisher in der Umweltszene mit viel Mühe zusammengehalten wurde – der Kampf um den Artenerhalt und der Ausbau der erneuerbaren Energien“.

Beide Seiten sprechen aktuell mehr über- als miteinander, was vor allem Naderer beklagt. Demo und Flashmob seien „das Überschreiten einer Linie", besonders dann, wenn die Demonstrierenden „nicht vorher um ein Gespräch gebeten haben“. Andererseits hat sie ein Streitgespräch mit Priggen platzen lassen und die Einladung dazu von WDR5 für den Morgen der LEE-Kundgebung ausgeschlagen.

Der Kern des Streits findet sich auch im Internet. Der Nabu dokumentiert dort seine „Klagen gegen Windkraftanlagen“. Der LEE präsentiert sein neues Angebot „Artenschutz durch Erneuerbare“.