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Susanne Harmsen
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Donnerstag, 21.10.2021, 13:31 Uhr
Effizienz
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Wissenschaftler fordern Vorfahrt für Energieeffizienz
60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern vom neuen Bundestag und der neuen Bundesregierung eine konsequente Energieeffizienzpolitik, um Klimaschutz preiswert zu erreichen.
Mit einem Offenen Brief wandten sich am 21. Oktober 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die neue Bundesregierung und den Bundestag. Sie rufen darin zu einer konsequenteren Nutzung von Energieeffizienzpotenzialen auf, die in vielen Fällen ungenutzt, aber wirtschaftlich sind.

Sie warnen zugleich, dass die derzeitige Vernachlässigung von Energieeffizienzmaßnahmen unnötigerweise zu steigenden Energiekosten, verminderter Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie sowie zu höherer Energieabhängigkeit führen und somit die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende gefährden könnte.

Die Energie-Wissenschaftler Prof. Peter Hennicke (Wuppertal), Prof. Eberhard Jochem (ETH Zürich und IREES, Karlsruhe) und Dr. Hans-Joachim Ziesing (ehem. DIW und AGEB) stellten den Brief online vor. Eine gezielte Energieeffizienzpolitik müsse die bestehenden Hemmnisse und Marktversagen abbauen, forderten sie. „Energieeffizienz wird immer wieder vernachlässigt – leider auch wieder in den aktuellen Sondierungsergebnissen von SPD, Grünen und FDP", kritisierte Hennicke. „Es muss etwas passieren, sonst laufen wir gegen die Wand“, warnte Jochem.

Die klimafreundlichste Energie ist die nicht benötigte

Ziesing sagte: „Energieeffiziente Lösungen verringern die Kosten der Energiewende, da wir so schneller zu 100% erneuerbaren Energien kommen und gleichzeitig unabhängiger von Energieimporten werden.“ Auch CO2-freie Energieträger dürften nicht verschwendet werden. In allen Branchen in Industrie und Gewerbe schlummerten weiterhin große rentable Effizienzpotenziale.

Dabei sollte neben dem Gebäude- und Verkehrssektor auch die Industrie in den Blick genommen werden, sagte Christian Noll, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff). „Die Lösungen, die für eine effiziente Energiewende nötig sind, existieren bereits heute und wachsen ständig durch Forschung und Entwicklung“, sagte Noll. Nun gehe es darum, dass eine neue Bundesregierung, die Wirtschaft und die privaten Haushalte diese Potenziale auch ausschöpfen.
 
Allein durch Einsparung könnte sich laut Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA die Hälfte der Treibhausgasminderung bis 2030 erreichen lassen. Quelle IREES

Allein durch Energieeffizienzmaßnahmen werde die Klimaziellücke für 2030 um die Hälfte geschlossen, das BIP um 40 Mrd. Euro jährlich gesteigert und die Beschäftigung um knapp 100.000 erhöht. „Wir begrüßen deshalb sehr, dass auch die Wissenschaft auf den dringenden Handlungsbedarf hinweist“, sagte Noll. Alle Energieanwender sollten die vielen energieeffizienten Lösungen nutzen, die zudem meist mehr Komfort, weniger Lärm, bessere Produkt-Qualität und geringeren Ausschuss als Nebeneffekt brächten.

Konkrete Maßnahmen von Bund und Kommunen gefordert

Als konkrete Maßnahmen fordern die Wissenschaftler, das Klimaschutzgesetz auf die Energieeffizienz auszuweiten und auch dort konkrete Vorgaben über alle Sektoren zu machen. Die Einhaltung müsse ebenfalls überwacht und nachgesteuert werden. Alternativ könnte ein Energieeinspargesetz mit einer Zuständigkeit für Überwachung und Maßnahmen erlassen werden.

Von zentraler Stelle müssten Ökodesignrichtlinien Standards setzen für Massengeräte, um Energiefresser vom Markt nehmen. Hennicke regte an, dass Deutschland wie 16 andere europäische Länder die Energieversorger verpflichtet, ihren Kunden auch Energiesparangebote zu machen. Zugleich sei die Aufgabe nicht nur zentral zu lösen, sondern müsse auf kommunaler Ebene in gebündelten Kompetenzen angegangen werden.

Positive Beispiele zum Nachmachen verbreiten

Als positives Beispiel nannte Hennicke die Stadt Bottrop, das mit einem One-Stop-Shop mit Anleitungen für Gebäudesanierung und Beantragung von Förderung die Sanierungsrate von Gebäuden auf 3-4 % pro Jahr erhöht habe. Zugleich sollte die Fortbildung verstärkt werden, damit Handwerker, Planer, Wartung sowie Betreiber immer auf dem neuesten Stand der Technik sind und Effizienzmöglichkeiten kennen und nutzen können. Auch den Erfahrungsaustausch unter Kollegen sollte man fördern.

Hennicke nannte als Hauptproblem der Energieeffizienz, „dass man sie nicht sehen kann, ein Solardach ist deutlich attraktiver“. Daher habe die Kampagne „Effizienzrepublik Deutschland“ vier „Fridays for Future“-Schulen initiiert. Mit Investitionen von 4 Mio. Euro wären 9 Mio. an Energiekosten eingespart worden. „Die Bürger waren einbezogen in die Finanzierung und bekommen eine Rendite von 6 % gezahlt“, erläuterte Hennicke. Die Schüler erführen in den naturwissenschaftlichen Fächern, was an ihrem Gebäude gemacht wurde. „Das Beispiel könnte Schule machen“, hofft Hennicke.

Der Offene Brief zur Energieeffizienz steht im Internet zur Verfügung.
Die Beispiele der Kampagne „Effizienzrepublik Deutschland“ stehen im Internet bereit.