EDITORIAL:

Glauben und Wissen


Es hört sich wieder einmal unglaublich an: Ein Abfallprodukt aus der Papierherstellung soll in großem Stil Strom speichern können. Man sei über das Prototypen-Stadium hinaus, heißt es vom Hersteller für sogenannte Redox-Flow-Batterien, der Firma „CMBlu“. Üblicherweise kommen in diesen Stromspeichern teure metallbasierte Flüssigkeiten etwa mit Vanadium zum Einsatz. CM Blu will nun diese Flüssigkeiten mit dem Naturstoff Lignin ersetzen. Das findet sich in jeder Pflanze wieder und fällt im Millionen-Tonnen-Maßstab in der Zellstoff- und Papierherstellung an. So einfach soll das nun gehen? Kaum zu glauben. An die Sache glaubt aber der Autozulieferer Schaeffler (92 000 Mitarbeiter), der nun eine Zusammenarbeit mit CM Blu (70 Mitarbeiter) angekündigt hat. 2021 wissen wir mehr, dann sollen die ersten kommerziellen Anlagen an den Markt.

Viele glauben auch an die Elektromobilität als Mobilitätskonzept der Zukunft. Der Durchbruch ist noch nicht geschafft, aber es wird fleißig ausprobiert. Die Stadtwerke Bamberg  testen aktuell Elektro-Scooter, also elektrifizierte Tretroller. Im Frühjahr will das Unternehmen den ersten Verleihdienst für rund 100 Elektro-Scooter in Deutschland eröffnen. Bis zu 20 km/h sollen die Dinger schnell sein. Das Konzept stammt von dem E-Scooter-Sharing-Unternehmen Bird aus den Vereinigten Staaten. Deren E-Scooter sind bereits in mehr als 100 Städten unterwegs – unter anderem in Wien, Zürich, Paris, Madrid und London. Das Konzept scheint wohl zu funktionieren.

Ob Speicher oder Scooter, beide nutzen Strom. Dieser soll ja bekanntlich immer mehr Öko werden. Erstaunlicherweise ist in Nordrhein-Westfalen der Zubau an neuen Windanlagen in diesem Jahr aber stark zurückgegangen. Waren es 2017 noch über 850 MW, so rechnet der Landesverband Erneuerbare Energien NRW in diesem Jahr nur noch mit der Hälfte an neuer Kapazität. Schuld sei die Landespolitik sagen die Windleute mit ihrer Abstandsempfehlung von 1 500 Metern. Stimmt nicht, so die schwarz-gelbe Landesregierung. Das Problem liegt bei den vorgegebenen Bedingungen für die Ausschreibungen – und die werden in Berlin gemacht. Ja, das ist Föderalismus: Im Zweifel sind immer die anderen Schuld.

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Stefan Sagmeister
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